Mit der Broschüre 2019/20 begann der Rückblick auf die Entwicklung der Theatergruppe Salzgitter-Bad e. V., die am 7. November 1977 gegründet wurde. Diesmal geht der Blick zurück in das Jahr 1984.
„Heile heile Segen“ — Theater gegen die Angst vor dem Krankenhaus
Los ging es im Januar mit einem Stück von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche. „Heile heile Segen“ sollte dafür sorgen, dass Ängste und vor allem Vorurteile gegenüber dem Krankenhaus abgebaut werden. Das Stück stammt aus der Werkstatt des Berliner Grips-Theaters, von dem die Theatergruppe schon einige Stücke gespielt hatte. Drei aus dem Krankenhaus entliehene Betten bildeten die Kulisse, und drei Kinder verbrachten dort ihre Zeit: Susi (Ulrike Mendrock), die wegen einer Mandeloperation ins Krankenhaus muss, ihre Zimmerkameradin Katrin (Uta Achilles), die ihre Blinddarmoperation schon hinter sich hat und Susis Angst mit abgeklärter Gelassenheit betrachtet, und der „Schocker“ (Stefan Pahl) als immer gut aufgelegter junger Patient. Das Stück wurde ein riesiger Erfolg und das ganze Jahr hindurch vor Schulen in und um Salzgitter aufgeführt — das Problem waren die vielen Einladungen, denn es war schwierig, immer alle Mitspieler zusammenzubekommen.
„Die Leiden des jungen W.“
Im Februar folgte der nächste Knaller: Ulrich Plenzdorfs „Die Leiden des jungen W.“ wurde ein Riesenerfolg. Edgar Wibeau führt darin das Leben eines Aussteigers, bis er durch Zufall das Reclam-Heftchen „Die Leiden des jungen Werthers“ in die Hand bekommt; er lernt eine Kinderschwester kennen, die für ihn zur Charlotte wird, schließlich aber ihren Freund heiratet. Sören Pahl hat als Edgar Wibeau vielleicht seine beste Rolle gespielt und wurde von der Presse ebenso gelobt wie das ganze Ensemble, die exzellente Technik, das Bühnenbild und die behutsame Regie von Gernot Bischoff. Die Wolfenbütteler Zeitung schrieb über die Aufführung im Lessingtheater: „Respekt (und mehr) für diese junge Bühne ist angebracht.“ Ebenfalls noch im Februar wurde dort das Stück der Jugendbühne „Vampire sind auch nur Menschen“ gezeigt, das seine Premiere bereits im September 1983 in Salzgitter-Bad gehabt hatte.
Kabarett, Schultheaterwoche und Gäste aus Imatra
Auch das Kabarett darf nicht vergessen werden: Sören Pahl und Jens Würfel schrieben den Text für Auftritte beim Altstadtfest in Salzgitter-Bad, anlässlich der Kleinkunstwoche auf dem Braunschweiger Kohlmarkt und sogar für eine Aufführung im Rathaus in Lebenstedt. Im Rahmen der Schultheaterwoche in Braunschweig brachte die Theatergruppe am 25. Juni gleich zwei Aufführungen auf die Bühne: zuerst das Märchen „Der gestiefelte Kater“ — zugleich das 300. Stück, das im Rahmen der Schultheaterwoche präsentiert wurde — und anschließend „Heile heile Segen“. Die Theaterjugend zeigte im Kleinen Haus des Staatstheaters ihr Erfolgsstück „Vampire sind auch nur Menschen“. Vom 26. Juni bis 4. Juli kam dann die Theatergruppe aus Imatra in Finnland zu Besuch und wurde unter anderem von der Theatergruppe Salzgitter-Bad betreut.
Herbst und Winter: „Der keusche Lebemann“ und „Stokkerlok und Millipilli“
Am 19. Oktober gab es endlich wieder eine Premiere: „Der keusche Lebemann“, angesiedelt um 1925 in einer Kleinstadt. Der wohlhabende Fabrikant Julius Seybold möchte, dass seine 19-jährige Tochter Gerty seinen Kompagnon Stieglitz heiratet — doch Gerty findet nach einem Jahr in Berlin nur noch erfahrene Lebemänner interessant. Also dichtet Seybold dem langweiligen Stieglitz eine absurde Liebesbeziehung mit einer Filmdiva an, und eine irrwitzige Geschichte nimmt ihren Lauf. Die Wolfenbütteler Zeitung urteilte: „Zu keiner Zeit hatte man das Gefühl, dass auf der Bühne Amateure standen, der Schwank war eine runde Sache.“ Am 9. Dezember hatte schließlich „Stokkerlok und Millipilli“ Premiere, das bis heute zum festen Repertoire der Märchenbühne gehört.
Es ist schon erstaunlich, wie viele Stücke und vor allem wie viele Aufführungen die Theatergruppe in diesem einen Jahr absolviert hat — Seminare, Freizeiten und Probenwochenenden noch gar nicht mitgerechnet. Man kann nur den Hut ziehen vor so viel Begeisterung für das Theater. (Hans-Jürgen Andreseck)


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